Dies ist eine Antwort an Kristina Marlens Beitrag in der ZEIT: https://www.zeit.de/amp/gesellschaft/2020-01/sexarbeit-sexkauf-patriarchat-moral-prostitutionsgesetz
Liebe Kristina Marlen,
Sie stellen richtige Fragen, kommen aber zu falschen Antworten. Es fängt mit Ihrem Exkurs über das Intimleben von Paaren an. Eine Verhandlung über Bedürfnisse findet im normalen Sexualleben auch statt, aber auf Augenhöhe, da nicht eine Partei von ihren Umständen dazu gezwungen ist, da zu sein und alles zu machen, was die anderen Partei will. Womöglich ist in einer Paarbeziehung mal einer dominanter und mal einer submissiver, aber heißt das, dass wir jeden Ansatz dazu über Bord werfen sollen und der Frau jegliche Verhandlungsmacht nehmen?
Dann stellen Sie als Antithese gegen das Sexkaufmodell fest, wir Abolitonistinnen würden von bedingungsloser oder ewiger Liebe träumen. Das sind natürlich unerreichbare Ideale, jedoch um diese geht uns auch gar nicht, sondern nur um freie Sexualität – in Beziehungen, die so gut sind wie sie sind.
Das sogenannte Bürgerliche Modell passt nicht zum Sexkaufverbot: Im Gegenteil, das bürgerliche Modell sieht vor, dass Frauen daheim keusch zu sein haben und der Mann seine sexuelle Befriedigung bei Prostituierten sucht. Eine erfüllte Sexualität findet in diesem Idealmodell keine Frau (womöglich, weil weibliche Lust Untreue bedeuten kann und somit vom Patriarchat gefürchtet wird). Die Ehefrau nicht, die die Tugend der Keuschheit verkörpern soll und die Prostituierte nicht, die lernen muss, ihr Selbst vom Körper abzuspalten – und das immer, wenn sie intim wird. Letztere muss ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse so weit einschränken, dass sie immer wieder mit ungewollten Männern intim sein „kann“ und dabei eine künstliche Sexualität vorheucheln, die den Freier befriedigt. So tötet sie ihre eigene Sexualität regelmäßig ab. Es gibt kein, um Ihr eigenes Wort zu benutzen, misogyneres System als das der Prostitution.
Sie sprechen als Domina von einem „sexuellen Raum“, den Sie betreten und „gestalten“ und das können Sie auch, denn Sie haben in dieser Situation die Oberhand (was übrigens auch nicht für alle Dominas gilt, es gab ein berühmtes Interview mit Ellen Templin). Penetrieren lassen Sie sich nie. Den geschätzten 400.000 größtenteils rumänischen, bulgarischen und ungarischen Prostituierten wird ihre eigene sexuelle Selbstbestimmung von vornherein genommen: Sie müssen mit jemandem intim werden, den sie sich nicht ausgesucht haben, was die erste Voraussetzung für sexuelle Entfaltung und Wunscherfüllung schon im Keim verhindert. Aber selbst wenn die Prostituierte irgendein Interesse an dem Freier hätte, das sie nicht hat, denn dafür sind es zu viele Freier und der Freier wählt die Frau aus, nicht umgekehrt; selbst dann entfaltet sie dort nicht ihre Wünsche, sondern bedient den Freier und schauspielert nach seinen Wünschen. Aber zur Entfaltung der eigenen Wünsche muss man den Partner mit dem man intim wird, erst einmal begehren, sich Intimität mit ihm wünschen. Da das nicht gegeben ist, muss die Prostituierte ganz in Gegenteil zu sexueller Entfaltung sich selbst in diesem Bereich völlig abtöten.
„Sex is magic“ sagen Sie. Ja, Sex kann magisch sein, aber auch was das Erzeugen von Traumata angeht. Es geht aus Erfahrungsberichten aus allen Generationen und aus aller Herren Länder hervor, dass Prostituierte immer einen Weg finden, ihre Psyche vom Körper abzuspalten, um den ständigen Akt mit ungewollten Fremden zu ertragen. Diese, regelmäßig wiederholt, Dissoziation führt zu einer langanhaltenden Traumatisierung, die nur schwer zu bearbeiten ist und ein späteres, lockeres Ausleben der Sexualität erschwert. Deswegen ist Prostitution in sich Gewalt gegen Frauen.
Sie sprechen von sexueller Gewalt: Ja, Prostituierte sind nicht nur der Gewalt der Prostitution, sondern auch weiterer körperlicher Gewalt ausgesetzt, da sie in der Rangfolge der Gesellschaft von vornherein häufig ganz unten stehen – diese Position verschafft ihnen letztendlich auch ihre Tätigkeit. So denken Freier, mit der Prostituierten umspringen zu können, wie sie wollen. Erstens haben sie genau dafür bezahlt und zweitens haben sie jemanden vor sich, der weit ärmer ist als sie und in der Situation unglaublich vulnerabel, während die Gesellschaft Prostituierte ächtet. „Man vents his turpitude upon her“ sagte Simone de Beauvoir über Prostituierte: der Freier verhält sich beschämend falsch, aber sie wird gebrandmarkt. Das macht sie zu einem idealen Opfer. Dieser zusätzlichen Gewalt von Freiern, aber auch der Gewalt der Prostitution kann man nur mit Politik und besseren Gesetzen begegnen. Sonst wäre Vergewaltigung legal. Von repressiver Sexualpolitik zu sprechen, ist hier falsch. Die Prostituierte lebt ihre Sexualität ohnehin nicht aus, der einzige, der sich – und zwar in guter Weise – einschränken muss, ist der Freier. Was eine erfreuliche Entwicklung ist, denn seine frühere Entfaltung war Gewalt an Frauen.
Sie sprechen so viel von sexueller Entfaltung und sexueller Freiheit, dass Ihnen schlicht entgangen sein muss, dass diese bei den meisten Prostituierten gar nicht stattfindet. Weiblicher sexueller Genuss ist ein Thema, das die Prostitution gar nicht berührt. Wer sich hier entfaltet – ist auf Kosten der Prostituierten – der Mann. Über den reden Sie aber gar nicht, obwohl Sie in Wirklichkeit seine Rechte so vehement verteidigen.
Ihre Beispiele von Kunden sind ungewöhnlich, da erstens die meisten Freier keine Domina aufsuchen, sondern Frauen penetrieren wollen und zweitens die meisten Freier Männer sind. Es sind zudem Beispiele, die Mitgefühl hervorrufen sollen: von vorsichtigen, ungeübten Menschen. Das klingt sehr wünschenswert: Dass ein absoluter Beginner seine ersten Erfahrungen sammelt oder eine bisexuelle Frau sich das erste Mal mit einer anderen Frau ausprobiert. Aber das Ganze hat einen Haken, nämlich den, dass alle diese Menschen sich auch jemand suchen können, der eigene Bedürfnisse mit in die Situation einbringt und „nicht-gekaufte“ Rückmeldungen. Dass sie sich mit Empathie einem anderen Menschen gegenüber ausprobieren. Das ist nicht schwer, sondern die Aufgabe eines jeden Menschen, der Sexualität lebt. Was macht ein Sonderrecht, sich sexuell an jemandem auszuleben, der nur nach bezahltem Wunsch auf mich antwortet und nicht wie ein lebendiges Gegenüber, so wichtig?
So wichtig, dass wir auf die nützlichste Maßnahme gegen Menschenhandel und erzwungene Prostitution verzichten sollen? Ein Sexkaufverbot. Das nebenbei Männer auch zwingt, immer eine Sexualität auf Augenhöhe mit einer Frau zu leben und nicht diktierte Reaktionen mit Geld zu erkaufen, i.e. in den meisten Fällen: mit wirtschaftlicher Dominanz erzwingen. Oder erzwingen lassen, da es die patriarchalen Strukturen in den Ursprungsländern sind, die sich zu Schlepperbanden und Zuhälter organisieren.
Alle Frauen würden sexuell von einem Sexkaufverbot profitieren, da Männer hierdurch keine real existierende Parallelwelt haben, in der sie an unseren Bedürfnissen vorbei und auf Kosten unserer (sic! Denn auch Prostituierte sind Frauen wie alle anderen) seelischen Gesundheit eine raubbauende Sexualität leben. Sex wird zu etwas gegenseitigem und nicht, wie in der alten, patriarchalen Vorstellung, zum alleinigen Vergnügen des Mannes. Wenn Männer im Gegensatz lernen, dass sie ihre intimen Bedürfnisse auf Kosten von vulnerablen Frauen und gegen deren psychische und physische Integrität ausleben können, ist das eine katastrophale Botschaft für die Intimität zwischen Mann und Frau. Soll es dann immer heißen, dass Männer sich auf Kosten von Frauen bereichern, an Vergewaltigung befriedigen (Radikalfeministinnen sprechen auch von paid rape, bezahlter Vergewaltigung)? Oder wollen wir nicht vielmehr eine Welt, in der Männer und Frauen sich gegenseitig schätzen und voneinander profitieren?
Wir haben keine Angst vor Sex, wir lehnen sexuelle Gewalt ab. Vor allem haben wir keine Angst vor weiblicher Sexualität. Die Freier aber anscheinend schon, sonst würden sie sich mit ihren Wünschen einer Partnerin auf Augenhöhe stellen und deren Wünsche aushalten. Sonst würde im Patriarchat das „Ausleben“ weiblicher Promiskuität – das in Wirklichkeit keines ist, denn Prostituierte wählen keinen ihrer Partner aus, sie schalten sich beim Verkehr ab – nicht auf eine Gruppe abgewerteter Frauen beschränkt, zu denen mann keine emotionale Verbindung sucht.
Ich mag Ihr flammendes Plädoyer für weibliche Sexualität, aber in der Prostitution und im System, das mit Prostitution lebt, in dem die „guten Frauen“ immer keuscher werden müssen, werden Sie diese nicht finden. Als Domina sind Sie nicht repräsentativ für die meisten Prostituierten. Wenn Sie es in Ihrer Außenseitersparte schaffen, sich beruflich zu entfalten und Sie, da Sie nicht wie die meisten Prostituierten penetriert werden, gut mit der einseitigen Erregung Ihrer Kund_innen klarkommen, ist das schön für Sie – aber als „Sexarbeiterin“ für alle Prostituierten sprechen können Sie nicht.